Daniele Ganser ausladen

Wurde das World-Trade-Center am 11. September 2001 vom US-Geheimdienst gesprengt? Wurde der Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo inszeniert? Hat der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz überhaupt stattgefunden? Fragen, die Daniele Ganser am 20.8.2018 im DASDIE in Erfurt stellen, aber nicht beantworten wird. Clou seiner in der Regel gut besuchten Auftritte ist es vielmehr, im ersten Schritt Zweifel zu säen und im zweiten Schritt durch rhetorische Fragen Suggestivschlüsse nahezulegen. In den Köpfen der Zuhörenden entstehen dann meist komplex Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien, die antiamerikanische und antisemitische Ressentiments bedienen. Seine Argumentation geht dabei von wenigen, für Verschwörungstheoretiker_innen gängigen Fragestellungen und Phrasen aus:

  • »Wem nützt es?« – Ganser legt nahe, dass diejenigen, die von einem Geschehen profitieren, dafür auch verantwortlich sind. Aber ist das wirklich plausibel? Schließlich nutzen ungeklärte Anschläge in hohem Maße Ganser und anderen Verschwörungstheoretiker_innen, die damit Geld verdienen. Verantwortlich für diese Anschläge sind diese aber sehr wahrscheinlich nicht.
  • »Das kann kein Zufall sein!« – Wer wissenschaftlich vorgeht, muss nicht nur zeigen, dass bestimmte Phänomene zusammen auftreten, sondern auch, welchen Zusammenhang es zwischen beiden gibt. So werden in Regionen mit vielen Störchen auch viele Kinder geboren. Esoterisches Denken kann daraus leicht den Schluss ziehen, dass der Storch die Babys bringt. Herauszufinden, wie gesellschaftliche Phänomene zusammenhängen, ist sehr viel schwieriger, als die augenscheinliche Theorie zur Wahrheit zu erklären, weil sie als nicht-zufällig erscheint.
  • »Der Herr Doktor wird schon recht haben« – Ganser tritt grundsätzlich als »Dr. Daniele Ganser« auf. Viele Wissenschaftler_innen verzichten darauf, wenn sie öffentliche Vorträge halten. Denn schon das Beharren auf dem Titel zeigt eine autoritäre Denkweise. Die Botschaft ist: »Glaubt mir, ich bin eine Koryphäe«. Ganser ist aber bestenfalls ein gescheiterter Wissenschaftler. Seine wenigen akademischen Veröffentlichungen liegen mehr als 10 Jahre zurück. Seine Lehraufträge an den Universitäten St. Gallen und Basel wurden gestrichen, nachdem er als Verschwörungstheoretiker in die Kritik geriet. Historiker_innen schätzen seine Arbeit als grotesk überzeichnet ein.
  • Einfaches Gut-Böse-Schema – Sowohl beim Umgang mit seinen Quellen wie auch mit seinen Kritiker_innen setzt Ganser auf ein einfaches Gut-Böse-Schema. Wer seine steilen Thesen für Unsinn hält, gehört zur gleichgeschalteten Systempresse, wie so unterschiedliche Akteur_innen wie die Wikipedia oder zahlreiche Tageszeitungen. Wer ihn unterstützt, wird zur seriösen Quelle erklärt, wie z.B. die verschwörungstheoretische Webseite KenFM, das COMPACT-Magazin (Sprachrohr von Pegida und AfD) und der deutsche Ableger des russischen Staatsfernsehens Russia Today.

Dass Ganser oft Unsinn redet, rechtfertigt noch keine Absage. Aber die Inhalte seiner suggestiv nahegelegten Vermutungen werden von seinen Anhänger_innen antisemitisch gefüllt. So ist es in der verschwörungstheoretischen Szene durchaus gängig, zu behaupten, eine jüdische Weltverschwörung stecke hinter den Anschlägen vom 11.9.2001. Ganser vertritt diese These nicht, lässt aber offen, ob sie zutrifft. Seine mangelnde Abgrenzung zu rechtsextremen Inhalten zeigt sich auch darin, dass er keine Berührungsängste hat, im rechtsoffenen Homilius-Verlag zu publizieren oder in einer Diskussionsrunden mit dem Querfront-Vordenker Jürgen Elsässer und dem verurteilten Rechtsterroristen Karl-Heinz Hoffmann zu plaudern. Ein wichtiger Baustein des sekundären Antisemitismus, nämlich die Aussage, der Verweis auf den Nationalsozialismus würde gezielt genutzt, um deutschen Interessen zu schaden, wird auch von Ganser vertreten: In einem Youtube-Video beklagt er, Deutschland würde »niedergedrückt« durch eine »psychologische Kriegsführung«, die statt über Goethe immer nur über Hitler sprechen wolle.

Durch seine Auftritte stellt Ganser absurde Behauptungen neben plausible Vermutungen und erhebt damit Verschwörungstheorien in den Rang diskutablen Wissens. Die von ihm nahegelegten Erklärungsansätze für politische Prozesse sind hochgradig anschlussfähig für antisemitische Deutungsmuster.

Wie schon der Auftritt Thilo Sarrazins in der Alten Oper 2012 kalkuliert der Veranstalter mit vorhandene Ressentiments in der Thüringer Bevölkerung, befördert diese aber auch. In einer Zeit, in der rechtspopulistisches und ungleichheitsorientiertes Denken auf dem Vormarsch ist, trägt das nicht nur zur Verdummung, sondern auch zur Faschisierung der Gesellschaft bei. In diesem Sinne verbreitet das DASDIE eine in rhetorische Fragen verpackte Kultur der Hetze gegen Sündenböcke. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen geneigt sind, antisemitische Verschwörungstheorien zu diskutieren, halten wir das für ein Spiel mit dem Feuer und fordern Wolfgang Staub daher auf, Daniele Ganser auszuladen.

Unterzeichner_innen, Stand 17.08.2018
Antifaschistische Koordination Erfurt
AntiRa Campus Erfurt
ATTAC-Ortsgruppe Erfurt
Bildungskollektiv Biko
GRÜNE Jugend Erfurt
Infoladen Sabotnik
Jusos Erfurt
Jusos Thüringen
Martina Renner, MdB Die Linke und Sprecherin für antifaschistische Politik
SJD – Die Falken Erfurt
Bündnis „Auf die Plätze!“ Erfurt
Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen
Christian Schaft, MdL Die Linke
Michael Kees
linksjugend [’solid] Erfurt

Advertisements
Erstelle deine Website auf WordPress.com
Los geht's